ana.words, widerlich riechenden garderoben

ana.words, widerlich riechenden garderoben
22. März 2000 michael
In Allgemein
Folge zehn: Der Sport


Meine lieben Freunde. Hier und heute moechte ich ueber Sport
berichten. Sport meint koerperliche Betaetigung. Ich ahne
es, nun werden einige von Euch, die mich bereits kennen und
denkfauler- sowie kurzsichtigerweise schon lange
schubladisiert haben, meinen, ich spraeche jetzt nur noch
von Sex. Ha! Das tu' ich nicht! Vielleicht spaeter ein
bisschen. Es ist nicht alles Sex, was schmerzt.

Ich erinnere mich genau, frueher, da ich noch ganz klein
war, bis ich etwas groesser war, also waehrend meiner ganzen
Schulzeit, da war Sport Pflicht. Obligat. Da musste man
total behaemmerte Spiele machen und unsaeglich widerlich
riechende farbige Baendel ueberstuelpen und sich in
widerlich riechenden Garderoben auf widerlichen Fussboeden
umziehen. Damals habe ich einen Hass auf den Geruch der
Maenner bekommen. Die stinken naemlich. Ausser ich. Ich
rieche sensationell. Da bin ich wie der Chris von Rohr. Aber
der riecht nach Caramel, wie er juengst im FACTS verraten
hat (nicht die ideale Wichsvorlage, wie wir ja wissen),
waehrend ich eher wie ein frischgepudertes Baby rieche.

Den Turnunterricht habe ich gehasst. Von ganzem Herzen. In
der Gruppenzusammenstellung war ich immer letzte Wahl, mit
Glueck sogar Reservespieler, dann konnte ich zwei Lektionen
lang herumsitzen und darueber sinnieren, was Maenner so toll
daran finden, kollektiv 90 Minuten lang hinter einem Ball
herzurennen; ich weiss es bis heute nicht. In den seltenen
Faellen, in denen ich doch mitspielen musste, zog ich den
Zorn meiner Kameraden auf mich, weil ich die Sache
spoettisch belaechelte, anstatt mich in gemeinsamer Sache
auszukotzen. Man warf mir vor, ich nehme das wohl nicht
ernst, das, und sie hatten recht, ich nahm das ueberhaupt
nicht ernst, das. Zuweilen habe ich dennoch ein Tor
geschossen, im Fussball oder im Unihock. Allerdings in 13
Jahren Turnunterricht etwa deren 4, vielleicht auch 5. Hehe.
Das muss man erst mal fertigbringen. Ich habe nie einen
groesseren Sportminimalisten kennengelernt in jener Zeit.

Heute gibt es groessere Minimalisten, denn ich bin keiner
mehr. Heute betaetige ich mich sportlich. Nein, ich rede
nicht von Sex, zur Hoelle! Ihr Schmutzfinken! Ich rede von
Schwimmen, Velofahren, Skateboarden. Hans Schmerz geht
einmal woechentlich schwimmen. Damit er schoen fit bleibt,
und nach dem Schwimmen ist seine Bauchmuskulatur immer so
geil hart. Darum macht er das. Aber Schwimmen hat noch einen
ueberaus angenehmen Nebeneffekt: Man kann dann naemlich
immer hinter den Maedchen herpaddeln, die da so aesthetisch
kraulen. Also so ein kraulender Maedchenkoerper mit
steinhartem Hintern und knackigen Beinchen, das alleine ist
schon ein Grund, sich unter Wasser zu begeben. Allerdings
sollte man sich auf den eigenen Rhythmus beim Schwimmen
konzentrieren, denn sonst ertrinkt man mit einer Erektion.
"Hans Schmerz. 1974-1999. Er dachte auch beim Sport an Sex.
Deshalb ist er klaeglich ersoffen." wuerde dann in meiner
Todesanzeige stehen. Schrecklich waere das.

Aber ist schon toll, die Frauen unter Wasser. Wie Seegras im
Tanz der Wellen. Und im Hallenbad hat's ja immer auch
Gegenverkehr, und dann kann man schnell nach links oder nach
rechts linsen, wenn einem eine entgegenkommt und sie auch
von vorne anhimmeln. Wenn man zu zweit schwimmen geht,
werden diese Beobachtungen hauptsaechlicher Gegenstand der
Unterhaltungen, die am Beckenrand gefuehrt werden.
Auffallend attraktive Schwimmerinnen geht man sich dann mal
schnell ansehen. Unter Wasser natuerlich und ungestraft.

Und Velofahren. Geil. Wie Skateboarden. Auch geil. Aber
nicht so geil wie Schwimmen. Weil auf dem Velo und auf dem
Brett muss man aufpassen und ich sage Ihnen, so ein
H&M-Plakat ist ein rechter Blickfaenger. Nicht, dass Sie
dann ins Heck des Jeep Cherokee vor Ihnen knallen. Also
aufgepasst.

Ganz frueher, noch bevor er zu Mannschaftssport gezwungen
wurde, da musste der arme kleine Hans Schmerz hin und wieder
mit seinen Eltern wandern. Geht das in ein Kinderhirn, worin
der Sinn in stundenlangem Bergauf- und Bergabsteigen liegt?
Tut es nicht. Findet das eine Kinderseele erfuellend? Tut
sie nicht. Und trotzdem stopft man die Kinderchen in
haessliches Schuhwerk, schnallt ihnen einen tonnenschweren
Rucksack mit allerlei ueberfluessigen Geraetschaften um und
schiebt sie vor sich her. Um ihnen dann sagen zu koennen,
sie seien faule Saecke, und andere Kinder muessten zehnmal
soweit gehen um an frisches Wasser zu gelangen. Ja habe ich
mir das ausgesucht, in der Ersten Welt auf dieselbe zu
kommen? Habe ich darum gebeten, mich auf diesen beschissenen
Trip mitzunehmen? Habe ich nicht! He, ich habe nicht! Jaja,
ist ja gut, ich laufe ja schon.

Es gibt auch den passiven Sport. Die Gespraeche der
Sportinteressierten am Mittagstisch beispielsweise. Da wird
palavert, in welcher Position der Gianfranco vom FC Milano
spielt (es heisst AC Milano, lieber Hans Schmerz. Die Red.).
Hoechst interessant. Oder auf welchem Platz der ukrainischen
Liga der FC Kiew spielt. Auch sehr spannend. Dann sitzt man
da mit seinen Arbeitskameraden und muss sich dieses
belaemmernde Gelaber anhoeren. Die leckersten Spaghetti
mutieren unter dieser Belastung von al dente zu al culo.
Weltbewegende Themata wie der Sprung eines Goalies in eine
Ecke, der angeblich jeglichen physikalischen
Gesetzmaessigkeiten hohnspreche, werden eroertert. Ich
langweile mich zu Tode, Erinnerungen an die mehrere Wochen
andauernde intellektuelle Diaspora waehrend der beknackten
Weltmeisterschaft kommen auf, da eine halbwegs vernuenftige
Unterhaltung ein Ding der absoluten Unmoeglichkeit war.

Normalerweise intelligente Maenner setzten ueber die Dauer
der WM den bierseligen Gesichtsausdruck von
Schlachtenbummlern auf und redeten auch so. Ganze Saetze
wurden auf Subjekte und Verben reduziert, mitunter sogar die
Spieler am TV direkt angesprochen. Eine mir fremde
Geselligkeit kam auf: Sitzungszimmer wurden zu WM-Bars mit
Bierausschank degradiert, aus den Bueros mit TV zog die
Kreativitaet aus und machte dem Plebejertum Platz. Es war
graesslich. Johlgeschrei von erwachsenen Maennern. Ich
wollte arbeiten, texten, konzepten, niemand beachtete mich,
ich wurde sogar ausgelacht. Ich setzte mich ueber Mittag zu
den Frauen, weil die haben fuer Fussball soviel uebrig wie
ich. Und wenn ich endlich um sieben der Hoelle entrinnen
konnte, ging die Scheisse weiter: WM-Bars in der Stadt,
Gestampfe von meinem Nachbarn obendran, der sich seine Lunge
herausbruellte, wenn Brasilien ein Tor geschossen hatte.
Hirnverbrannter Mist, das.

Ich fasse also zusammen: Sport, in den mehr als zwei Leute
involviert sind, finde ich zum Kotzen langweilig, und Sport,
der am TV uebertragen wird, absolut ueberfluessig. Sport,
der mir Spass und die Bauchmuskulatur geil hart macht, finde
ich in Ordnung, und Sport, bei dessen Ausuebung ich
halbnackte Frauen angeifern kann, ich bin ehrlich, mache ich
lieber und eher als Sport, bei dem ich stinkende und
behaarte halbnackte Maenner erdulden muss. Auch wenn sich
dann meine Betaetigung im Frauenangeifern erschoepft.

Ende.

(So erschienen in der Festzeitung des Art Directors Club der
Schweiz, am 31. Januar 1999)

by hans.schmerz
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