ana.words, rausch des verderbens, teil 1/2

ana.words, rausch des verderbens, teil 1/2
19. Mai 2022 tbz
In sex, drugs and techno
so. ein weiterer hitziger lohu-moment.
tbz hat fuer euch abgetippt.
heute ein teil
und morgen 
- bei ueber 30 grad - 
dann der zweite.

diesmal ist es heiss in seoul.
geiler scheiss, findet tbz.

hast du auch heisse stellen aus buechern?
abtippen und an ana.senden!

los gehz:



waehrend der zwei jahre im theater hatte ayami niemals einen tag
freigenommen, abgesehen von der einen woche im august, in der das
theater offiziell geschlossen war. in dieser zeit war die schwuele fast
unertraeglich, deshalb stellte die stiftung ihren betrieb ein, kappte
die telefonleitungen und gab allen angestellten eine woche urlaub. die
stadt schien sich dann in ein riesiges lebewesen zu verwandeln, das
unter einem feuchtheissen, dampfenden erdhaufen langsam erstickte.

aus dem gluehend heissen asphalt, der jeden quadratzentimeter des bodens
versiegelte, und den in den himmel ragenden strukturen aus beton, eisen
und glas quoll flammender rauch wie aus krematorien, waehrend sich die
strassen in krateraehnliche gruben verwandelten, in denen alle arten
organischer materie, wie rohes fleisch, haut, augaepfel, haare und
schweiss, verbrannten. in welche richtung man seinen kopf auch wandte,
augen und haut wurden sofort von einem hagel flammender pfeile
getroffen, die toedliche brandwunden hervorriefen. tausende sterne
explodierten gleichzeitig. meteore vergluehten, gas verbrannte und das
himmelszelt war ueberzogen mit schwarzer asche. alles licht war
erloschen. die nacht brach herein. doch die hitze wollte nicht weichen.
in der dunkelheit erschlafften die fasern, die koerperstrukturen und
fleisch zusammenhielten, und flatterten, wirbelten am rande des
bewusstseins. die identitaet der zellen, die den schlaf bestimmten,
loeste sich auf. der dna-code zersetzte sich. mit dem zerfall der
zellmembrannen des schlafes vermengten sich traeume mit komatoesen
zustaenden. es war die zeit des jahres, in der der schlaf am duennnsten
war, wie luft in extremer hoehe. aber es war auch eine zeit, die von
einem kolloid der traeume beherrscht wurde, dominiert von schwerkraft
und dichte. in ihren traeumen hielt ayami einen papagei eng umschlungen
an ihre brust, in der realitaet stieg sie in eine nicht existierende
badewanne, die bis zum rand mit kaltem wasser gefuellt war, und fiel in
schlaf. der papagei bohrte seine krallen in ihre brust und kraechzte
ausgiebig. die hitze, die durch die kuenstliche luft der klimaanlage
noch verstaerkt wurde, war traurig und uebersinnlich zugleich.


aus: "weisse nacht"
von: bae suah
(koreanische originalausgabe erschienen 2013,
auf deutsch bei suhrkamp herbst 2021)

zweiter teil morgen.

ja. so ist das mit dem sommer.

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a n a . w o r d s
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furcht und schrecken seit 1997

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