ana.words, wilkuerliche worte, babelturmig

ana.words, wilkuerliche worte, babelturmig
17. März 2025 tbz
In sex, drugs and techno
peter bichsel ist tot.
er starb am samstag, 15. maerz 2025, 
wenige tage vor seinem 90. geburtstag.

anstelle eines nachrufs
eine geschichte von ihm.
gut moeglich,
dass ihr sie kennt,
gut moeglich,
dass es gut ist,
sie wieder zu lesen.


Ein Tisch ist ein Tisch

Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort
mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse
zu sein. Er wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Strasse oder nahe
der Kreuzung. Es lohnt sich fast nicht, ihn zu beschreiben, kaum etwas
unterscheidet ihn von andern. Er trägt einen grauen Hut, graue Hosen,
einen grauen Rock und im Winter den langen grauen Mantel, und er hat
einen dünnen Hals, dessen Haut trocken und runzelig ist, die weissen
Hemdkragen sind ihm viel zu weit.
Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer, vielleicht war er
verheiratet und hatte Kinder, vielleicht wohnte er früher in einer
andern Stadt. Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer
Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene angezogen waren. Man sieht sie so im
Fotoalbum der Grossmutter. In seinem Zimmer sind zwei Stühle, ein Tisch,
ein Teppich, ein Bett und ein Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein
Wecker, daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an der Wand
hängen ein Spiegel und ein Bild.
Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen
Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends sass
er an seinem Tisch.
Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am
Tisch sass, hörte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken.
Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu
heiss, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit
Kindern, die spielten – und das Besondere war, dass das alles dem Mann
plötzlich gefiel.
Er lächelte.
»Jetzt wird sich alles ändern«, dachte er.
Er öffnete den obersten Hemdknopf, nahm den Hut in die Hand,
beschleunigte seinen Gang, wippte sogar beim Gehen in den Knien und
freute sich. Er kam in seine Strasse, nickte den Kindern zu, ging vor
sein Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schlüssel aus der Tasche und
schloss sein Zimmer auf.
Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Und
wie er sich hinsetzte, hörte er wieder das Ticken, und alle Freude war
vorbei, denn nichts hatte sich geändert.
Und den Mann überkam eine grosse Wut.
Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie er die Augen
zukniff; dann verkrampfte er seine Hände zu Fäusten, hob sie und schlug
mit ihnen auf die Tischplatte, erst nur einen Schlag, dann noch einen,
und dann begann er auf den Tisch zu trommeln und schrie dazu immer
wieder:
»Es muss sich ändern, es muss sich ändern!«
Und er hörte den Wecker nicht mehr. Dann begannen seine Hände zu
schmerzen, seine Stimme versagte, dann hörte er den Wecker wieder, und
nichts änderte sich.
»Immer derselbe Tisch«, sagte der Mann, »dieselben Stühle, das Bett, das
Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett
heisst Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?« Die
Franzosen sagen dem Bett »li«, dem Tisch »tabl«, nennen das Bild »tablo«
und den Stuhl »schäs«, und sie verstehen sich. Und die Chinesen
verstehen sich auch.
»Weshalb heisst das Bett nicht Bild«, dachte der Mann und lächelte, dann
lachte er, lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und »Ruhe«
riefen. »Jetzt ändert es sich«, rief er und sagte von nun an dem Bett
»Bild«.
»Ich bin müde, ich will ins Bild«, sagte er, und morgens blieb er oft
lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle,
und er nannte den Stuhl »Wecker«.
Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und stützte
die Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hiess jetzt nicht mehr Tisch, er
hiess jetzt Teppich.
Am Morgen verliess also der Mann das Bild, zog sich an, setzte sich an
den Teppich auf den Wecker und überlegte, wem er wie sagen könnte.
Dem Bett sagte er Bild.
Dem Tisch sagte er Teppich.
Dem Stuhl sagte er Wecker.
Der Zeitung sagte er Bett.
Dem Spiegel sagte er Stuhl.
Dem Wecker sagte er Fotoalbum.
Dem Schrank sagte er Zeitung.
Dem Teppich sagte er Schrank.
Dem Bild sagte er Tisch.
Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel.
Also:
Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das
Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er
nicht an die Füsse fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog
sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den
Wecker an den Teppich und blätterte den Spiegel durch, bis er den Tisch
seiner Mutter fand.
Der Mann fand es lustig, und er übte den ganzen Tag und prägte sich die
neuen Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann
mehr, sondern ein Fuss, und der Fuss war ein Morgen und der Morgen ein
Mann.
Jetzt könnt ihr die Geschichte selbst weiterschreiben. Und dann könnt
ihr, so wie es der Mann machte, auch die anderen Wörter austauschen:
läuten heisst stellen,
frieren heisst schauen,
liegen heisst läuten,
stehen heisst frieren,
stellen heisst blättern.
So dass es dann heisst:
Am Mann blieb der alte Fuss lange im Bild läuten, um neun stellte das
Fotoalbum, der Fuss fror auf und blätterte sich auf den Schrank, damit er
nicht an die Morgen schaute.
Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen
Wörtern voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch
selten auf der Strasse.

Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnungen und vergass dabei
mehr und mehr die richtigen. Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm
ganz alleine gehörte.
Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er
die Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise
vor sich hin.
Aber bald fiel ihm auch das Übersetzen schwer, er hatte seine alte
Sprache fast vergessen, und er musste die richtigen Wörter in seinen
blauen Heften suchen. Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu
sprechen. Er musste lange nachdenken, wie die Leute zu den Dingen sagen.
Seinem Bild sagen die Leute Bett.
Seinem Teppich sagen die Leute Tisch.
Seinem Wecker sagen die Leute Stuhl.
Seinem Bett sagen die Leute Zeitung.
Seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel.
Seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker.
Seiner Zeitung sagen die Leute Schrank.
Seinem Schrank sagen die Leute Teppich.
Seinem Tisch sagen die Leute Bild.
Seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum.
Und es kam so weit, dass der Mann lachen musste, wenn er die Leute reden hörte.
Er musste lachen, wenn er hörte, wie jemand sagte:
»Gehen Sie morgen auch zum Fussballspiel?« Oder wenn jemand sagte: »Jetzt
regnet es schon zwei Monate lang.« Oder wenn jemand sagte: »Ich habe
einen Onkel in Amerika.«
Er musste lachen, weil er all das nicht verstand.

Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen
und hört traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute
nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie
konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr.
Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüsste nicht einmal mehr.

aus: kindergeschichten
von: peter bichsel


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