ana.words, verklaerung?

ana.words, verklaerung?
25. August 2017 tbz
In Allgemein
prisca hat sich zum ana.word zum letzten zirkel gemeldet und ein
feedback geschickt, weil das thema "verklaeren" noch beschaeftigt.

und tbz denkt, dass der text von prisca auch ana.lesers interessieren koennte,
die nicht am zirkel waren, geht es doch um themen, die sich auch
unabhaengig von der lektuere des buches diskutieren lassen, um heimat,
um kindheit, um den bezug zur natur (und da findet tbz ja immer den
gedanken interessant, dass der mensch sich von der natur ausnimmt, wenn er
von einer beziehung von sich zur natur spricht. der mensch ist also
ausserhalb der natur?) und philosophischere themen: was ist und erfassen
wir "vom echten" und was "produzieren" wir selbst? 

an manchen stellen moechte tbz heftig widersprechen, an anderen macht es
einfach freude, den gedanken zu folgen, und tbz wuenscht euch aufs
wochenende hin viel vergnuegen mit den gedanken von prisca. 
herzlichen dank für diese lange einsendung!

ergaenzungen, entgegnungen, gedanken dazu wie immer herzlich willkommen :-)


prisca:

Dieses Thema ?Verklärung? hat mich noch recht beschäftigt und tut es noch. 
Dönhoffs Beschreibung ihrer Verbundenheit mit ihrer Heimat hat mich
wirklich sehr berührt - neben vielem anderen, das mich auch
interessierte - und so hat mich die Frage, ob diese Beschreibungen
verklärend sind, nicht mehr losgelassen. Ich habe jedenfalls noch etwas
darüber nachgedacht und meine aber immer noch, dass sie im Ganzen nicht
verklärend sind und dass das Verallgemeinernde gerechtfertigt ist. 

Dönhoff schreibt also:
?Aber kein Autor, auch kein Lyriker, kann poetischer sein als jene
herbstlichen Morgen, an denen man noch im Dunkeln zum Pirschen
aufbricht. Wenn die Sonne aufgeht und in ihren ersten Strahlen der Tau
auf den Wiesen wie Diamanten funkelt, wenn der ferne See durch die Bäume
schimmert, dann fühlt man sich dem Wesentlichen zum Greifen nah.?

und:
 ?alle Wahrnehmungen verdichten sich zur Inspiration, plötzlich versteht
 man alles, das Leben, das Sein, die Welt. Und es gibt nur noch ein
 Gefühl: tiefe Dankbarkeit dafür, dass dies meine Heimat ist.?

Ist das also Verklärung? Weil die Kindheit und die Freiheit der Kindheit
in der Erinnerung mit der Natur und der Landschaft, mit der Heimat,
verbunden ist? Hätte Marion Dönhoff in einer 4 ½ Zimmer-Wohnung in
Zürich-Albisrieden aufwachsen, in einem behütenden und bildenden Umfeld,
zum Beispiel, wo sie ihre Talente entfalten konnte und ihre Kindheit
geniessen und auskosten konnte usw., und dasselbe fühlen können? Ich
glaube nicht. Und nicht deshalb nicht, weil sie ihre Heimat (auf brutale
Weise) verloren hat und deshalb jetzt sentimentalisiert. Ich glaube,
diese von ihr beschriebene Wahrnehmung, dieses Glück und diese
Dankbarkeit, gibt es auch unabhängig vom Verlust der Heimat. Der Verlust
verstärkt sicher die Wahrnehmung im Nachhinein, und verstärkt die
Sehnsucht und bedingt oder verstärkt die Wehmut, aber was sie beschreibt
ist trotzdem vor allem ein Moment, ein ganz einzigartiger Moment ? wo
sie sich als ein Teil fühlte der sie umgebenden Welt.

Der Reichtum der Welt, in der wir uns befinden, wirkt auf uns und in
uns, und es ist nicht nur unsere Interpretation und unsere Erinnerung,
die allem einen Sinn gibt. Ich glaube zum Beispiel, dass eine Fahrt in
einem Cabrio ? und sei es auf einsamer Strasse und wunderschöner
Landschaft ? nicht dasselbe tiefe Glück sein kann, wie ein Ritt auf
einem Pferd durch ein Feld oder einen Wald, weil das Pferd etwas
Lebendiges ist. Und so denke ich, dass der Verlust eines Lebens mit der
Natur, mit vielen Tieren, ein Leben mit den Jahreszeiten, die elementar
und bis in jedes Detail gefühlt und erlebt wurden, ein realer Verlust
ist, ein Verlust an Momenten von tiefem Glück. ?Nebst der ganzen Mühsal
und Härte, und klar, man kann anmerken, dass die Gräfin die Brutalität
dieses Lebens zuwenig erwähnt hat. Aber das heisst nicht, dass die
Beschreibung des Schönen für sich genommen eine Verklärung ist.

Marion Dönhoff beschreibt die Schönheit und der Reichtum (an Geräuschen,
an Gerüchen...) ihrer Heimat, und für ist sie diese Schönheit
selbstverständlich real, auch wenn nur ein Mensch sie so wahrnehmen kann
und sie in dem Sinn nicht ganz unabhängig von den Menschen existiert. 
Aber eben, ein Mensch, und nicht nur Marion Dönhoff, sondern quasi ein
typischer Mensch - hätte die intensive Schönheit der Welt an einem
solchen Morgen, wie Dönhoff ihn beschreibt, als solche wahrgenommen.
Eben wahrgenommen. Die Schönheit wird erfasst, so denke ich, und nicht
im Hirn (aus Nichts) produziert. 

Wenn wir eine Landschaft auf einem Film sehen, dann kann sie uns nicht
so berühren, wie wenn wir uns tatsächlich darin befinden (ausser wenn
der Film in uns eine Erinnerung an die reale Landschaft auslöst). Zum
Beispiel haben wir die Gerüche nicht und die Geräusche in all ihrer
Differenziertheit nicht. Und wir können nichts berühren und anfassen.
Der ganze Mensch erfasst die Landschaft, und die Landschaft ist eben
reich, weil Tausende von Existenzen darin sind und sie ausmachen (Tiere,
Pflanzen, Organismen...) und Tausende von Phänomenen (der Wind, eine
bestimmte Temperatur...). Was da existiert ist schliesslich real, das
GIBT es, und das können wir, bin ich überzeugt, zumindest teilweise
tatsächlich erfassen und wir können unsere Verbundenheit damit erfassen,
bin ich überzeugt, und wenn das weg ist oder zu einem grossen Teil weg
ist (und das ist es, der Verlust der Reichtum der Natur und der
Artenvielfalt ist ja wirklich kein Geheimnis), dann ist das eben
wirklich ein Verlust, also für die ganze Menschheit, und dann können wir
das durch nichts Künstliches ersetzen.

In gewisser Hinsicht, meine ich, könnte das sogar an unser vorletztes
Thema anknüpfen hihi: an die künstliche Intelligenz, an die Frage, ob
die künstliche Intelligenz an die natürliche Intelligenz herankommen
bzw. diese eben (bei weitem) übertreffen kann. Wenn wir nur Gehirne
sind, Denkmaschinen, Datenverknüpfungsmaschinen, dann kann die
künstliche Intelligenz das wahrscheinlich erreichen, das ist absolut
plausibel. Wenn wir aber denken, dass es eine Rolle spielt, ob man den
Wind auf seiner Haut spürt oder nicht (zum Beispiel!), dann ist eben ein
Computer in welcher Form auch immer kein Mensch, auch wenn er noch
hunderttausendmal besser Schach spielen und sogar Romane schreiben kann.

Mit bestem Gruss
Prisca

-- = --    -- = --    -- = --     

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