ana.words, schatten sehen mit leichtigkeit

ana.words, schatten sehen mit leichtigkeit
3. Oktober 2001 michael
In Allgemein
fuer diejenigen, die gestern eine luecke in ihrer allgemein
bildung entdeckten, hier das ganze gleichnis.
ausdrucken & studieren.


Platons Hoehlengleichnis

"- Dann, sprach ich, vergleiche unsere Natur in Bezug auf
Bildung und Unbildung mit folgendem Zustand. Stelle dir
naemlich Menschen in einer unterirdischen hoehlenartigen
Wohnung vor, die einen gegen das Licht geoeffneten Zugang
laengs der Hoehle hat. In dieser sind sie von Kindheit an
gefesselt an Hals und Schenkeln, so dass sie an derselben
Stelle bleiben muessen und nur nach vorne sehen, ohne sie
ihre Koepfe umdrehen zu koennen, da sie gefesselt sind.

Sie haben Licht von einem Feuer, das von oben und von ferne
hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen
laeuft oben ein Weg; laengs diesem, so stelle dir das vor,
ist eine niedere Mauer gebaut gleich den Schranken, die sich
die Gaukler vor den Zuschauern bauen, um ueber sie ihre
Kunststuecke zu zeigen.

- Ich sehe, sagte er.

- Sieh nun laengs dieser Mauer Menschen, die allerlei
Gefaesse tragen, die ueber die Mauer vorbeitragen, und
Bildsaeulen sowie Bildwerke aus Stein und Holz und allerlei
vom Menschen kuenstlich Erzeugtes. Einige der
Voruebertragenden unterhalten sich dabei, wie zu erwarten,
die anderen schweigen.

- Du stellst da, sagte er, ein aussergewoehnliches Bild und
aussergewoehnliche Gefangene vor.

- Sie sind uns ganz aehnlich, erwiderte ich. Denn was
glaubst du wohl? Solche Menschen haben von sich selbst und
von einander, nie etwas anderes zu sehen bekommen als die
Schatten, die das Feuer auf die ihnen gegenueberstehende
Wand der Hoehle wirft.

- Wie sollte es anders sein, sagte er, wenn sie gezwungen
sind, zeitlebens den Kopf unbeweglich zu halten?

- Und von den in ihrem Ruecken vorbeigetragenen Dingen,
sehen sie nicht eben auch die Schatten?

- Was sonst?

- Wenn sie nun miteinander reden koennten, glaubst du nicht,
dass sie das, fuer das Wirkliche halten, was sie sehen und
benennen?

- In der Tat.

- Wie aber, wenn dieses Gefaengnis auch einen Widerhall von
der ihnen gegenueberstehenden Wand haette? Wenn einer von
den Voruebergehenden sprechen wuerde, wuerden sie nicht
denken, dass der voruebergehende Schatten spricht?

- Nichts anderes, beim Zeus!

- Auf keine Weise also koennen sie etwas anderes fuer das
Wahre halten als die Schatten jener kuenstlichen Dinge?

- Notwendigerweise, sagte er.

- Betrachte jetzt, erwiderte ich, wenn die Gefangenen
geloest und geheilt von ihren Fesseln und ihrer
Einsichtslosigkeit, was ihnen dann zustossen wuerde. Wenn
einer entfesselt waere, und gezwungen wuerde sogleich
aufzustehen, den Hals umzudrehen, zu gehen und gegen das
Licht zu sehen, dann haette er immer Schmerzen, und wegen
des Geflimmers koennte er jene Dinge nicht recht erkennen,
wovor er vorher die Schatten sah.

Was meinst du wohl, wuerde er sagen, wenn ihn einer
versicherte, damals habe er nur Nichtigkeiten gesehen, jetzt
aber waere er dem Seienden naeher und indem er sich dem
Seienderen gewendet haette, wuerde er auch richtiger
blicken?

Und wenn jener ihm jedes Voruebergehende zeigend ihn fragte
und ihn zwaenge, auf die Frage, was es sei, zu antworten,
glaubst du nicht, dass er da weder ein noch aus wuesste und
ueberdies dafuer hielte, das, was er vormals gesehen hatte,
sei wahrer als das jetzt Gezeigte?

- Allerdings, sagte er.

- Und wenn ihn einer noetigte, in den Feuerschein selbst zu
sehen, wuerden ihm dann nicht die Augen schmerzen und wuerde
er nicht fliehen und zu jenem zurueckkehren, was er
anzusehen im Stande ist, fest ueberzeugt, dies sei weit
gewisser als das, was ihm jetzt gezeigt werde?

- So ist es, sagte er.

- Wenn ihn aber einer mit Gewalt von da weg durch den
holprigen und steilen Aufgang schleppte, und nicht losliesse
bis er ihn an das Licht der Sonne hinausgezogen haette, wird
er nicht Schmerzen haben und sich ungern schleppen lassen?
Und wenn er nun an das Sonnenlicht kommt und die Augen voll
Strahlen hat, wird er nichts sehen koennen von dem was ihm
nun fuer das Wahre gegeben wird?

- Freilich nicht, sagte er, wenigstens nicht ploetzlich.

- Er wird also, meine ich, eine Gewoehnung noetig haben, um
das Obere zu sehen. Und zuerst wuerde er Schatten am
leichtesten sehen, danach Bilder der Menschen und der
anderen Dinge, wie sie sich im Wasser widerspiegeln, und
dann erst diese Dinge selbst. Und davon was am Himmel ist
und den Himmel selbst wuerde er am liebsten in der Nacht
betrachten und in das Mond- und Sternenlicht sehen als bei
Tage in die Sonne und in ihr Licht.

- Wie sollte er nicht?

- Zuletzt aber, denke ich, wird er auch in den Stand kommen,
die Sonne selbst, nicht ihre Bilder im Wasser oder sonst wo,
sondern sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu
betrachten, wie sie beschaffen sei.

- Notwendigerweise, sagte er.

- Und dann wird er herausbringen, dass sie es ist die alle
Jahreszeiten und Jahre schafft und alles ordnet in dem
sichtbaren Raum, und auch von dem was sie dort in der Hoehle
sahen gewissermassen die Ursache ist.

- Offenbar, sagte er, wuerde er ueber jene hinausgehend zu
diesem gelangen.

- Und wie, wenn er sich wieder seiner ersten Wohnung, der
dortigen Weisheit und der damaligen Mitgefangenen erinnert,
meinst du nicht er werde sich selbst gluecklich preisen
ueber die Veraenderungen und jene bedauern?

- Ganz gewiss.

- Und wenn sie dort, in der Hoehle, unter sich Ehre, Lob und
Belohnung fuer den bestimmt hatten, der das Voruebergehende
am schaerfsten sah und am besten im Gedaechtnis behielt, was
zuerst zu kommen pflegte und was zuletzt und was zugleich
und daher also am besten vorhersagen konnte, was am ehesten
kuenftig eintreten koennte: glaubst du es werde ihn danach
noch gross verlangen, und er werde die bei jenen geehrten
und Machthabenden beneiden?

Oder wird er nicht das viel lieber wollen, wovon Homer sagt:

"das Feld eines unbegueterten Mannes als Tageloehner
bestellen"

und lieber alles ueber sich ergehen lassen als wieder solche
Ansichten zu haben und so zu leben wie frueher in der
Hoehle?

- Ich glaube, sagte er, er wuerde lieber alles ueber sich
ergehen lassen als so zu leben wie frueher.

- Und nun bedenke auch dieses, erwiderte ich. Wenn ein
solcher wieder hinabstiege und an denselben Platz sich
niedersetzte, wuerden ihm die Augen nicht ganz voll
Dunkelheit sein, da er so ploetzlich von der Sonne herkommt?

- Ganz gewiss, sagte er.

- Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten
wetteifern sollte mit jenen, die immer dort gefangen
gewesen, waehrend es ihm noch vor den Augen flimmert eher er
sich wieder angepasst hat, was nicht geringe Zeit der
Eingewoehnung verlangte, wuerde man ihn nicht auslachen und
von ihm sagen, da er hinaufgestiegen sei, sei er mit
verdorbenen Augen zurueckgekommen, und es lohne sich nicht,
dass man versuche hinaufzukommen, sondern man muesse jeden,
der sie loesen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur
habhaft werden und ihn umbringen koennte, auch wirklich
umbringen?   - So spraechen sie, sagte er."

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a n a . w o r d s
      aus dem hellblauen salon

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ana.txt seite 444

      reicht ana.words weiter!


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